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«Digitalisierung ist immer Unterstützung und nie Selbstzweck»

Daniel Slongo

Die Digitalisierung macht auch vor Klostermauern keinen Halt. Dies bestätigt ein Besuch im altehrwürdigen, tausendjährigen Kloster Einsiedeln. Abt Urban erklärt, wie er sich bewusst Zeit nimmt, um die digitale Welt zu nutzen.

Wir haben im Kloster auch einen Mitbruder, der sich um die IT kümmert. Wir nennen ihn scherzhaft Bruder Citrix

Gross und mächtig ragen die beiden Türme der Klosterkirche in den stahlblauen Einsiedler Himmel. Seit über tausend Jahren dominiert das Kloster mit seinen imposanten Mauern das Landschaftsbild. Abt Urban empfängt uns an der Klosterpforte mit einem strahlenden Lachen. Gekleidet in schwarzer Soutane mit einem auffälligen aber einfachen goldenen Kreuz auf der Brust, das Zeichen des Abt-Bischofs von Einsiedeln. Er führt uns ins Innere des Klosters. Und bereits hier die erste (digitale) Überraschung: Die Pforten öffnen sich nicht mit einem Schlüssel, sondern elektronisch mittels Badge. «Die einzigen Türen, die sich noch nicht elektronisch öffnen lassen, sondern herkömmlich mit einem Schlüssel, sind jene zu den Zellen der Mönche», erklärt Abt Urban und ergänzt mit einem Lachen: «Seit der Renovation der Klosterkirche kann ich das Licht über eine App auf meinem Smartphone steuern. Wir haben im Kloster auch einen Mitbruder, der sich um die Vernetzung und die Informatik kümmert. Wir nennen ihn manchmal scherzhaft Bruder Citrix.»

Digitales und analoges Wissen gehen Hand in Hand: Abt Urban in der Klosterbibliothek.
Man muss sich bewusst die Zeit nehmen, um die digitale Welt zu nutzen.

Bewusster Umgang mit der digitalen Welt

Der Digitalisierung hat sich Abt Urban bewusst gestellt und angenommen; die Augen davor zu verschliessen bringt nichts. Er fordert jedoch eine Auseinandersetzung mit der digitalen Welt: «Wie schnell will ich sein, wie schnell muss ich sein und darf ich mich auch einmal bewusst rausnehmen?» Grundsätzlich, so der Abt, sehe er die höhere Schnelligkeit, welche die Digitalisierung mit sich bringe, positiv. Es brauche allerdings sehr viel Disziplin, sich nicht in diesen Geschwindigkeitsstrudel der heutigen digitalen Welt reinziehen zu lassen. Denn so, gibt er zu bedenken, steige die Erwartungshaltung, immer schneller bedient zu werden. Augenscheinlichstes Beispiel sei der E-Mail-Verkehr. Wo früher die Post rund eine Woche zwischen Briefzustellung, Verfassen einer Antwort und Rücksendung brauchte, geschieht dies heute binnen weniger Stunden. Entsprechend gross sei dann die Erwartung, dass jede Korrespondenz innert Stundenfrist beantwortet wird. Das hält ihn jedoch nicht von der E-Mail-Nutzung ab: «Auch als Abt kommt man heute nicht mehr um die elektronische Post herum.» Sein Rezept: sich bewusst die Zeit nehmen, um die digitale Welt zu nutzen. Immer mit dem Ziel, zu agieren und nicht nur zu reagieren, damit die Digitalisierung den gewünschten Effekt erzielt: nämlich eine Vereinfachung, eine Steigerung der Effizienz und Effektivität.

Sinnvoller Mehrwert der Digitalisierung

Die Effizienzsteigerung dank Digitalisierung macht er sich im Alltag zu Nutze: Bei seiner Recherchearbeit für Predigten, bei der Führung und Verwaltung der Klosterbetriebe und sogar wenn er einmal seiner Leidenschaft für mittelalterliche Handschriften nachgeht. Dort bevorzugt der Abt-Bischof oft eine App auf seinem Tablet, in der die mittelalterlichen Handschriften digital erfasst sind – der Gang in die hauseigene Bibliothek zur Originalhandschrift erübrigt sich. Mit einem Augenzwinkern gesteht er: «Es ist halt schon bequem, wenn ich die Handschriften immer und überall anschauen kann und nicht immer in die Bibliothek rennen muss.» Auch wenn der Abt auf Twitter und andere Social Media-Kanälen präsent ist: «Trotz genialer Apps ist nichts besser als der direkte, unmittelbare Kontakt. Das gilt für Handschriften in der Klosterbibliothek, wie auch für den Kontakt mit den Menschen.» In den hohen Räumen der Bibliothek mit den üppigen barocken Verzierungen wird man denn auch ehrfürchtig und etwas demütig. Prachtvolle, handgeschriebene und reich verzierte Handschriften reihen sich in raumhohen Gestellen aneinander. Wissen, das von den Einsiedler Mönchen über Jahrhunderte gesammelt und gepflegt wurde.

Urban Federer OSB, Abt der Territorialabtei Einsiedeln. Geboren am 17. August 1968 in Z̈ürich, trat Urban Federer 1988 ins Kloster Einsiedeln ein. Nach seinen theologischen Studien in Einsiedeln sowie in St. Meinrad, Indiana (USA), wurde er 1994 zum Priester geweiht. Anschliessend studierte er Germanistik und Geschichte in Fribourg, wo er mit der Disseration in Germanistik abschloss. 2013 wurde zum 59. Abt des Klosters Einsiedeln gewählt und ernannt.
Wenn Digitales zum Inhalt wird, kommt es zum Stress.

Bewusste Entschleunigung

Um nicht in die Falle des immer Schnelleren zu tappen, hilft Abt Urban auch das strukturierte Klosterleben. Neben dem benediktinischen Beten und Arbeiten («ora et labora») kommt dem gemeinsamen Essen im Kloster eine grosse Wichtigkeit zu. Nicht nur weil Nahrungsaufnahme überlebenswichtig ist, nein, auch weil während des gemeinsamen Essens grundsätzlich geschwiegen wird. Und in diesem achtsamen Moment gönnen sich die Benediktiner-Mönche den Luxus des Lesens. Ein Mitbruder liest aus einem Buch vor. «Dieser Moment des schweigenden Innehaltens, des bewussten Zuhörens und das achtsame Einlassen auf das Essen und das Vorlesen des Mitbruders hat eine enorm entschleunigende Wirkung. Es reisst mich jeweils aus dem Alltagsstrudel raus und gibt mir wieder Kraft für den weiteren Tagesverlauf. Ich kann solche bewusste Zäsuren im Tagesablauf jedem empfehlen.»

Digitale Unterstützung im Klosteralltag

Abt Urban ist neben seinem kirchlichen Würdenamt als Abt-Bischof aber auch Herr über eine Unternehmung: Das Kloster Einsiedeln umfasst nämlich auch Schule und Bildungseinrichtung, landwirtschaftliche Betriebe mit Gärtnerei und Stallungen mit insgesamt 240 Mitarbeitenden. Der Klosterbesitz erstreckt sich über fünf Kantone und zwei Länder. Trotz seiner Fülle an Aufgaben sieht sich Abt Urban nicht als Verwaltungsratspräsident oder CEO des «Unternehmens Kloster Einsiedeln», sondern bezeichnet sich lieber im Ursprung des Wortes Abt (spätlateinisch «abbas»: Vater) als Leiter, als «spiritus rector». Es geht ihm – bei allen materiellen Gütern, denen er vorsteht – vor allem und immer wieder um die Menschen. Seien es die Mitarbeitenden im Kloster, die Lehrerinnen und Lehrer an der Klosterschule, die Mitbrüder in Einsiedeln und die Nonnen im Kloster Fahr oder die Pilger und Wallfahrer in Einsiedeln, die von ihm erwarten, dass er sie auf die eine oder andere Weise leitet und ihnen Richtlinien gibt. Damit er sich auf diese Aufgaben konzentrieren kann, profitiert Abt Urban von den heutigen digitalen Möglichkeiten und modernster Technik. Das beginnt exemplarisch bei der Schule, in der man überall drahtlos vernetzt ist, geht über das elektronische Reservationssystem für Wallfahrtsgruppen und Gottesdienste, die Licht- und Tonsteuerung in der Klosterkirche per App auf Tablet und Smartphone bis zur Verwaltungssoftware, die im Betrieb des Klosters in Gebrauch ist. «Wichtig dabei ist die Erkenntnis, dass die Digitalisierung uns immer nur unterstützt und nie zum Selbstzweck werden darf», erklärt Abt Urban. «Dass unsere tausendjährigen Klostermauern sehr dick sind und an vielen Orten ein Netzwerkempfang schlecht oder sogar unmöglich ist, ist im wahrsten Sinn des Wortes manchmal ein Segen. Das zwingt uns immer wieder, den direkten, analogen Kontakt zu suchen und nicht nur auf den digitalen Austausch zu setzen.»

Es darf keine Verlierer der Digitalisierung geben.

Zwischen Vorreiter und «Dinosaurier»

Abt Urban bezeichnet sich selber als digitalisierungsnahe, als «digital immigrant». Ist er ausserhalb der Klostermauern unterwegs, trifft man ihn oft mit dem Tablet an, verbunden in die weite digitale Welt mit einem Hotspot über sein Smartphone. Interessant für Abt Urban sind denn auch Situationen, in denen er mit seiner eigenen digitalen Sozialisierung konfrontiert wird. Beispielsweise wenn in der Bischofskonferenz verschiedene Generationen aufeinandertreffen und damit auch unterschiedliche Grade der Digitalisierung. Begonnen bei den ausgedruckten Protokollen bis zur Bearbeitung von Dokumenten und Anträgen über das Tablet in der Cloud, ist an diesen Sitzungen jeder Digitalisierungsgrad vertreten. Abt Urban ist hier der jüngste und «digitalste» Konferenzteilnehmer. Anders ist die Situation, wenn Abt Urban wieder einmal das Klassenzimmer betritt. Dann ist er der digitale «Dinosaurier»: «Es kann einem schon schwindlig werden, wenn man sieht, wie flink und geschickt sich die Jugendlichen in der digitalen Welt bewegen.» Aber wichtig ist, dass auch diese «digital natives» den gesunden und bewussten Umgang mit der digitalen Welt lernen.

Abschalten als wichtigste Option

Für die Zukunft wünscht sich Abt Urban, dass der Mensch mit der Digitalisierung mithalten kann, dass der Mensch es schafft, die Digitalisierung als vernünftige Unterstützung einzusetzen und nicht als Selbstzweck zu nutzen. Dafür ist es von zentraler Bedeutung, dass jeder bewusst das Abschalten, das Entkoppeln von der digitalen Welt als wichtigste Option immer vor Augen hält und auch immer mal wieder praktiziert. «Bewusst Abschalten – und zwar nicht nur die digitalen Geräte, sondern auch vom Alltagstrott – und sich dem Gegenüber und der Umwelt wieder einmal persönlich, physisch und analog auseinanderzusetzen, ist enorm wichtig, um den Bezug zum wichtigsten nicht zu verlieren: dem Gegenüber, dem Menschen.» Trotzdem (oder gerade deswegen) ist Abt Urban überzeugt, dass die Digitalisierung weiter Fuss fassen und ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens und unserer Gesellschaft bleiben wird. Für das Kloster Einsiedeln manifestiert sich das bereits heute im Kleinen: So können sich Besucher auf dem «monks trail» auf eine digitale Führung begeben oder die Klosterkirche optimiert die Öffnungszeiten basierend auf den Datenauswertungen zu den Besucheranstürmen. Auch im Klassenzimmer birgt die Digitalisierung viele Möglichkeiten. Angefangen bei der Wissensvermittlung über Recherchearbeiten bis hin zur Aufbereitung, Präsentation und Speicherung des Wissens.

Schlüssel zum Erfolg mit Digitalisierung

Der Schlüssel zum erfolgreichen Umgang mit der Digitalisierung liegt für Abt Urban vor allem im bewussten Umgang mit dem Analogen. Was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag, wird beim genaueren Betrachten schlüssig: Die Digitalisierung ist und darf nur Werkzeug und niemals Selbstzweck sein. Die Erleichterung und Verbesserung, welche die Digitalisierung unbestrittenermassen mit sich bringt, soll bewusst genutzt werden, um sich gezielt auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das ist – gerade mit der Fülle an Möglichkeiten, welche die Digitalisierung eben auch mit sich bringt – die schwierigste Aufgabe. Und schliesslich muss man sich bewusst und achtsam dem Gegenüber im Hier und Jetzt zuwenden. Denn der direkte, ungefilterte und analoge Austausch ist und bleibt der Beste. Das ist der Austausch, den der Mensch seit Jahrtausenden gepflegt und optimiert hat.