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Eine ständige Gratwanderung

Iwan Köppel

An sich funktioniert sozialpädagogische Arbeit analog, über das Zwischenmenschliche. Der Umgang mit dem Digitalen bedingt bewusste Entscheide, die anspruchsvoll sind. Zu Besuch bei Dagmar Müller, Leiterin des «Justizheims» Platanenhof.

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Dagmar Müller arbeitet seit über 30 Jahren in Institutionen mit Kindern und Jugendlichen. Nach 9 Jahren als Erziehungsleiterin übernahm sie 2013 die Gesamtleitung im Platanenhof. Zuvor arbeitete sie während 17 Jahren in verschiedenen Funktionen im Kinderdörfli Lütisburg. Die Sozialpädagogin bildete sich berufsbegleitend kontinuierlich weiter. Sie erwarb u.a. einen MA in Social Management und absolvierte die Ausbildung zur Heimleiterin beim Branchenverband Curaviva. (Bild: Florian Brunner)

Der Himmel ist strahlend blau, das gleissende Licht der aufsteigenden Wintersonne wärmt, und der gefrorene Boden knirscht unter den Schuhen, als wir im Platanenhof ankommen. Das offene, frei zugängliche Gelände des Jugendheims am Dorfrand von Oberuzwil im sanktgallischen Fürstenland liegt ruhig da. Die Idylle, die sich breitmacht, steht so ganz im Gegensatz zum verschwommenen Bild, das wir vom Platanenhof und seiner Funktion als «Justizheim» mitbringen: «Da werden die bösen Jungs weggesperrt, die man noch nicht ins Gefängnis stecken darf.»

Perspektiven für die Zukunft erarbeiten
Dieses Bild erhält rasch Risse und zerfällt. Im Gespräch mit Heimleiterin Dagmar Müller wird klar: Die Jugendlichen, die in die ehemalige «Besserungsanstalt» eingewiesen werden, sollen nicht weggesperrt und bestraft werden. Man holt sie vorübergehend aus ihrem problembehafteten Umfeld heraus, um mit ihnen und ihrem Umfeld tragfähige Perspektiven für ihre Zukunft nach dem Aufenthalt im Jugendheim zu entwickeln.

2019 jährte sich die Gründung der Anstalt zum 125. Mal. «Der erzieherische Auftrag hat sich in der langen Tradition des Platanenhofs nur unwesentlich verändert – die Haltung dahinter, die pädagogischen Vorstellungen und Massnahmen jedoch sehr stark», erzählt Dagmar Müller. «Heute ist die Arbeit mit den Jugendlichen selbstverständlich partizipativ gestaltet – aber dafür brauchen wir sie natürlich vor Ort. Das ist nicht immer selbstverständlich.» Immer wieder kommt es vor, dass Jugendliche gar nicht greifbar sind und zuerst gesucht werden müssen, bevor die Sozialpädagoginnen und -pädagogen im Platanenhof mit ihnen arbeiten können.

Strafrechtliche Platzierungen bilden die Minderheit 
Die Jugendlichen, die im Platanenhof betreut werden, kommen fast ausnahmslos aus belasteten Familiensituationen. Das Fehlverhalten, das sie entwickelt haben, äussert sich unterschiedlich. «Die Stichworte sind aber oft dieselben: keine geradlinige Schulkarriere, Hierarchieumkehrungen mit unangemessener Autonomie, fehlende Tagesstruktur. Die Jugendlichen sind oft ausserhalb der Familie unterwegs, mit fragwürdigen ‹Peers› zusammen – dann braucht ‹man› Geld, die Gruppendynamik tut das ihre – dann sind Diebstähle und Drogen, vor allem Cannabis, nicht weit», fasst Dagmar Müller zusammen.

Trotzdem sind mehr als drei Viertel der Platzierungen im Platanenhof zivilrechtlich begründet, höchstens ein Viertel strafrechtlich, ergänzt Dagmar Müller: «Oft kommen aber Opfer- oder Tätererfahrungen hinzu – und fast immer Selbst- und Fremdgefährdung.» Je nachdem, in welchem Stadium einer Krise eine Platzierung nötig wird, werden die Jugendlichen in die geschlossene oder in die offene Abteilung eingewiesen. «Die Aufenthalte sind heute wesentlich kürzer als noch vor einigen Jahren. Es wird immer sorgfältig überprüft, ob eine so einschneidende und kostspielige Massnahme notwendig ist.»

«Der persönliche Austausch ist entscheidend»
Wenn Dagmar Müllers Arbeitstag morgens um sieben beginnt, stehen nach ersten Büroarbeiten ab acht Uhr die Übergaben der Verantwortlichen auf den Wohngruppen vom Nacht- zum Tagdienst an. Für die erfahrene 57-Jährige ist das jeweils eine entscheidende Stunde: «Danach weiss ich, was läuft, ob die Nacht Vorkommnisse gebracht hat und welche, wie die Leute ‹zwäg› sind und wie das Arbeitsklima ist.» Müller trägt seit knapp sieben Jahren die Gesamtverantwortung für den Platanenhof: 85 Mitarbeitende, verteilt auf 55 Vollzeitstellen, und rund 40 Jugendliche – Mädchen und Jungen. Dagmar Müller weiss: Sie könnte jeweils einfach «im System» nachlesen, was nachtsüber gelaufen ist. Spezialisierte «Software as a Service» für Betreuungsarbeit in Heimen, welche die behördlichen Anforderungen vollumfänglich erfüllt, unterstützt die Mitarbeitenden vom Tagesjournal bis zur Entwicklungsplanung für die Betreuten. Das würde Müller jedoch nicht reichen für ihre tägliche Einschätzung der Lage: «Dann fehlt mir der persönliche Austausch. Dieser ist für unseren Auftrag, den wir nur über direkte, aktive Beziehungsarbeit erfüllen können, entscheidend.» Deshalb ist sie auch immer mal wieder zum Mittagessen in einer der Wohngruppen, und «die Jungs aus dem offenen Bereich habe ich alle mindestens einmal für ein Gespräch bei mir im Büro».

Die Digitalisierung, das ‹Affentempo›, das dahintersteckt, hat auch Schattenseiten. Uns wird die Arbeit nicht ausgehen – im Gegenteil.
Dagmar Müller, Leiterin Platanenhof

«Uns wird die Arbeit nicht ausgehen»
Dagmar Müller schätzt die Erleichterungen, welche die digitalen Möglichkeiten im Büroalltag bieten. «Als ich 2004 im Platanenhof anfing, hatten wir erst gerade neu Netzwerkanschluss – und ich wusste noch nicht, wie man eine E-Mail schreibt, denn im Kinderdörfli in Lütisburg, wo ich vorher arbeitete, hatten wir diese Möglichkeit noch nicht. Aber die Digitalisierung, das ‹Affentempo›, das dahintersteckt, hat auch Schattenseiten. Uns wird die Arbeit nicht ausgehen – im Gegenteil. Mit der Digitalisierung wächst die Gefahr der Überforderung gerade auch bei den Jugendlichen. Da müssen wir dranbleiben.»

Als Heimleiterin ist Dagmar Müller mit ganz verschiedenen Aspekten der Digitalisierung konfrontiert: einerseits mit Blick auf die Jugendlichen, anderseits punkto Infrastruktur. «Es ist eine ständige Gratwanderung: Ich will eine moderne Verwaltung, unser Berufsauftrag funktioniert über persönliche Beziehungsarbeit, und die Ressourcen sind beschränkt. Hier die richtige Balance zu finden, braucht ganz bewusste Entscheide. Es gilt: das eine tun, das andere nicht lassen.» Müller sieht es als ihre Aufgabe, «das Digitale so einzusetzen, dass es unseren Jugendlichen am besten dient. Ich frage mich immer wieder: Werden wir den Jugendlichen und unserem Auftrag gerecht – etwa mit Blick auf die Entwicklungen in der Arbeitswelt?» Zugleich erinnert sie sich immer wieder an eine Aussage des Schweizer Zukunftsforschers Georges T. Roos: «Digital ist egal; Mensch, bleib Mensch!»

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Dagmar Müller im Gespräch mit einem Betreuer (Foto: Florian Brunner)

WLAN als Tauschgeschäft oder im Postauto
Eine wichtige Aufgabe des Jugendheims sieht Dagmar Müller denn auch darin, die Jugendlichen zu sensibilisieren, wie sie einen gesunden Umgang mit dem Handy finden: «Wir müssen sie fit machen, damit sie die Gefahren, die damit verbunden sind – von der Schuldenfalle über das Dealen bis zur Gewaltverbreitung –, meiden können.» In der geschlossenen Abteilung des Platanenhofs müssen die Jugendlichen ihr Mobile allerdings abgeben, damit sie wirklich von ihren «Peergroups» isoliert werden können.

Auch in der offenen Abteilung galt lange ein Handyverbot – inzwischen wurde es durch klare Regeln für den Handygebrauch ersetzt. Allerdings müssten die Jugendlichen seit kurzem ihre Handys in der Nacht wieder abgeben, erklärt die Heimleiterin: «Die Regeln wurden vor allem nachts oft gebrochen. Wenn sie wollen, finden die Jugendlichen immer einen Weg.» So fahren sie, wenn sie WLAN brauchen, mit dem Postauto nach Wil und zurück oder tauschen den Zugang via persönlichen Hotspot eines Kollegen gegen Zigaretten. Vielleicht wird aber demnächst im «Chillraum», den sich die Wohngruppe «Albatros» im Keller des Hauses eingerichtet hat, WLAN auch für die Jugendlichen bewilligt. Zeitlich beschränkt natürlich.

 

Schweizweites sozialpädagogisches Angebot

Im Kantonalen Jugendheim Platanenhof werden zivil- und strafrechtlich eingewiesene Jugendliche und junge Erwachsene sozialpädagogisch betreut. Der Platanenhof steht unter der Verantwortung des Amtes für Justizvollzug im Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St.Gallen. Er führt eine geschlossene und eine offene Abteilung. Die Aufträge, die er zu erfüllen hat, sind – je nach Einzelfall und Einweisungsbehörde sehr unterschiedlich und vielfältig. Als vom Bund anerkanntes Justizheim wird sein Angebot schweizweit genutzt. Es orientiert sich jedoch in erster Linie an den aktuellen Bedürfnissen der st.gallischen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden und Jugendanwaltschaften. Die Anfragen dieser Einweisungsbehörden werden bevorzugt behandelt.

Zur geschlossenen Abteilung gehören eine Schule, ein Atelier, ein Sportbereich mit Turnhalle, Aussenfeld und Kraftraum sowie pro Wohngruppe ein Aufenthaltsbereich. In den zwei koedukativ geführten Wohngruppen «Atlantis» und «Orion» werden je acht 12- bis 18-jährige Jugendliche beider Geschlechter betreut. Alle besuchen obligatorisch je halbtags die Schule – eine individualisierte Oberstufe – und arbeiten im Atelier im Rahmen eines individualisierten, arbeitsagogischen Programms. «Ein Aufenthalt in der geschlossenen Abteilung dauert maximal drei Monate und dient dazu, abzuklären und zu planen, welches Setting die Jugendlichen danach brauchen, um ihre Zukunft persönlich, schulisch und beruflich konstruktiv zu bewältigen», erklärt Dagmar Müller. «Zudem wir die Möglichkeit vier- bis sechswöchiger Aufenthalte zur Versetzung oder Überbrückung.» In seltenen Fällen vollzieht der Platanenhof Untersuchungshaften oder Freiheitsentzüge.

 
In den drei Wohngruppen «Albatros», «Ikarus» und «Kondor» der offenen Abteilung verbringen männliche Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren längere Aufenthalte von ein paar Wochen bis zu drei Jahren. Die Ziele der Aufenthalte reichen von der Abklärung und Massnahmenplanung über Versetzungen und Überbrückungen bis zum Erfüllen der Schulpflicht, Erreichen des Schulabschlusses oder der Ausbildung und Berufsvorbereitung. «In einem verbindlichen sozialpädagogischen Rahmen mit strukturiertem Alltag, spezifischen Phasen- und Stufenplänen erarbeiten wir mit den Jugendlichen und ihrem relevanten Umfeld individuelle Aufenthaltsvereinbarungen und Ziele», erklärt Dagmar Müller. «Beruhend auf einer fordernden, klaren und konsequenten Haltung, arbeiten wir mit ihnen an ihren Lernfeldern, stärken ihre Ressourcen und fördern ihre Selbstständigkeit und Eigenverantwortung für die Zeit nach dem Jugendheim.» Die Wohngruppen sind altersdurchmischt mit Schülern und Lernenden. Mittel- und Oberstufenschüler sowie Schulabgänger ohne Anschlusslösung besuchen die betriebseigene Werkschule. Die Ausbildungsbetriebe des Platanenhofs – Schreinerei, Mechanik, Küche und Technischer Dienst – bieten verschiedene Lehrgänge Berufsausbildungen unterschiedlicher Niveaus an.