Jacqueline Gasser-Beck im 5-Fragen-Interview zur Digitalisierung (Video: Samuel Näf)
Wo und wie sind Sie beruflich und privat «digital» unterwegs?
Ich bin beruflich wie privat sehr digital unterwegs – insbesondere für meinen Jahrgang, denn ich bin kein klassischer Digital Native. Technologie hat mich aber schon immer interessiert. Dabei geht es mir weniger um den maximalen Effizienzgewinn oder darum, immer das perfekte Tool zu nutzen. Für mich steht eher der kreative Aspekt im Vordergrund: Dinge ausprobieren, neugierig bleiben und sich immer wieder an neue Werkzeuge heranwagen.
Gerade im Moment finde ich beispielsweise sogenannte agentische KI-Tools spannend. Sie orchestrieren im Hintergrund verschiedene Schritte, ohne dass man jeden einzelnen Prompt selbst formulieren muss. Solche Systeme funktionieren anders als die klassischen Chatbots, die viele heute kennen.
Welchen Nutzen sehen Sie in der Digitalisierung? Welche Rolle spielt KI dabei?
Digitalisierung hilft vor allem dabei, Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Wir digitalisieren dort, wo ein klarer Mehrwert entsteht: bessere Qualität, kürzere Bearbeitungszeiten oder mehr Transparenz. Gerade in der öffentlichen Verwaltung ist es wichtig, dass Prozesse nachvollziehbar sind und Bürgerinnen und Bürger verstehen können, was mit ihrem Anliegen passiert.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Digitalisierung Routinetätigkeiten reduzieren kann. Dadurch entsteht für Mitarbeitende mehr Zeit für Aufgaben, die kreativer sind oder einen grösseren Mehrwert für die Gemeinschaft haben. Ziel ist also nicht einfach maximale Effizienz, sondern bessere Dienstleistungen.
Künstliche Intelligenz verstärkt diese Entwicklung zusätzlich. Sie kann bestimmte Abläufe unterstützen und neue Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig gilt in der Verwaltung: KI ist kein Selbstzweck. Prozesse können nicht vollständig automatisiert auf Autopilot laufen. Es braucht immer eine menschliche Kontrolle – auch aus rechtlichen Gründen, etwa wenn eine Verfügung erlassen wird. Auch beim Einsatz von KI braucht es Transparenz: Wenn ein Teilprozess mit KI erfolgt ist, sollte das grundsätzlich erkennbar sein.
Welche Schwerpunkte wollen Sie im Kanton St. Gallen bei Digitalisierung & KI setzen?
Im Kanton St. Gallen laufen bereits viele Initiativen – in den Departementen, in Dienststellen und auch in den Gemeinden. Es gibt zahlreiche kleinere Projekte und Proof of Concepts, in denen mit KI experimentiert wird. Das ist wichtig, denn so sammelt man Erfahrungen und lernt, was funktioniert und wie sich Lösungen skalieren lassen.
Meine Aufgabe in der Koordinationsstelle besteht vor allem darin, diese Aktivitäten zu bündeln. Wenn überall separat Infrastrukturen oder Lösungen aufgebaut werden, entstehen schnell Doppelspurigkeiten. Das verursacht Kosten und erschwert später die Zusammenarbeit. Deshalb versuchen wir, früh zu erkennen, wo Projekte zusammengeführt werden können und wo gemeinsame Lösungen sinnvoll sind.
Dabei geht es nicht nur um technische Fragen, sondern auch um Governance, rechtliche Aspekte und die Zusammenarbeit zwischen Kanton und Gemeinden. Deshalb ist die Stelle auch bei der Staatskanzlei angesiedelt. Digitalisierung und KI sind keine reinen IT-Themen, sondern Querschnittsaufgaben, die auch politische und gesellschaftliche Dimensionen haben.
In diesem Zusammenhang spielt auch die Frage der digitalen Souveränität eine Rolle. Viele Bürgerinnen und Bürger haben Sorgen etwa im Zusammenhang mit Desinformation oder mangelnder Transparenz. Diese Anliegen muss man ernst nehmen. Gleichzeitig muss man realistisch bleiben: vollständige digitale Souveränität ist in einer vernetzten Welt kaum erreichbar und mit grossen Kosten verbunden. Wichtig ist deshalb vor allem, dass unsere Systeme resilient sind und wir als Gesellschaft mit Unsicherheiten umgehen können.
Wagen Sie eine Prognose: Wie sieht E-Government im Kanton St. Gallen im Jahr 2040 aus?
Ein Blick so weit in die Zukunft ist natürlich immer etwas spekulativ. Mein Wunschbild wäre, dass die grosse Mehrheit der Behördenleistungen medienbruchfrei und rechtssicher digital angeboten werden kann – ohne dass sich jemand ausgeschlossen fühlt.
Eine wichtige Grundlage dafür ist die elektronische Identität. Sie ermöglicht viele weitere digitale Angebote und kann helfen, Prozesse zu vereinfachen. Ein weiteres Ziel wäre eine bessere Interoperabilität zwischen Behörden. Idealerweise müssten Bürgerinnen und Bürger ihre Daten nur noch einmal erfassen und könnten sie dann für verschiedene Verwaltungsleistungen nutzen. Dieses «Once-only»-Prinzip wird oft als Vision genannt.
Gleichzeitig hoffe ich, dass Datenschutz und Rechtssicherheit nicht nur als Hindernis wahrgenommen werden, sondern auch als Standortvorteil. Sie sorgen für Stabilität und Vertrauen – und das kann in einer zunehmend unsicheren Welt ein wichtiger Faktor sein.
Beim Einsatz von KI wird Transparenz zentral bleiben. Die Menschen müssen verstehen, was KI leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. Nur so lässt sich langfristig Vertrauen aufbauen.
Was muss immer analog bleiben?
Der persönliche Austausch zwischen Verwaltung und Bevölkerung sollte erhalten bleiben. Wenn Bürgerinnen und Bürger Sorgen oder Fragen haben, sollten sie sich weiterhin an eine Person wenden können. Die Verwaltung sollte mehr sein als nur ein digitales Formular oder eine Checkbox.
Gleichzeitig bedeutet «analog» nicht automatisch mehr Bürgernähe. Für Menschen mit Einschränkungen können digitale Angebote sogar den Zugang zu staatlichen Leistungen erleichtern – vorausgesetzt, sie werden nutzerzentriert gestaltet.
Am Ende geht es deshalb nicht um ein Entweder-oder. Es braucht sowohl analoge als auch digitale Angebote – jeweils dort, wo sie für die Menschen den grössten Nutzen bringen.