Jetzt Weichen fürs KI-Zeitalter stellen!

KI-Souveränität ist in der Schweiz zum politischen Schlagwort geworden. Doch was steckt tatsächlich dahinter? Marcel Salathé, Co-Direktor des Zentrums für KI an der EPFL in Lausanne, ordnet den Begriff ein und zeigt, warum es weniger um Autarkie als um echte Wahlmöglichkeiten geht. Sein exklusiver Beitrag fürs Abraxas Magazin beleuchtet, wo die Schweiz heute steht und wie sie im KI-Zeitalter auf die richtige Spur kommt, um handlungsfähig zu bleiben.

Von Marcel Salathé · 28. April 2026

Wie soll KI ausgestaltet werden, dass die Souveränität gewahrt bleibt? (Bild: Dominique Vernier)

Die Schweiz möchte KI-Souveränität. Der Wunsch ist nachvollziehbar: KI gilt als transformative, vielleicht gar epochenprägende Technologie mit riesigen Chancen. Gleichzeitig haben die Anbieter der führenden KI-Modelle ein massives Vertrauensproblem. In Umfrage nach Umfrage schneiden sie schlecht ab. Auch die geopolitische Lage, in der die Grossmächte zunehmend transaktional agieren, hat diese Dynamik zusätzlich verschärft. Doch was genau ist KI-Souveränität, und wie erreichen wir sie?

Souveränität bedeutet im politischen Kontext, die Kontrolle über das eigene Handeln zu behalten. Im Zusammenhang mit KI heisst das: Nicht die KI soll souverän werden («souveräne KI»), sondern unsere Institutionen – und letztlich das Volk – sollen auch im Zeitalter der KI handlungsfähig bleiben. 

Handlungsfähigkeit allein genügt dafür jedoch nicht. Man muss auch zwischen guten Optionen wählen können. Wer nur schlechte Möglichkeiten hat, mag formal souverän sein, gewinnt dadurch aber wenig. Es braucht also beides: Entscheidungsfähigkeit und ein breites Spektrum tragfähiger Optionen. An Ersterem mangelt es der Schweiz institutionell nicht. Entscheidend ist deshalb vor allem Letzteres. Genau deshalb greift der Ruf nach KI-Autarkie für ein kleines Land zu kurz. Souverän ist bereits, wer in zentralen Bereichen zwischen echten Alternativen wählen kann.

Wovon KI-Souveränität in der Praxis abhängt

Um KI sinnvoll und souverän einsetzen zu können, braucht es mehrere zentrale Elemente: Talente, die Anwendungen bauen und nutzen; KI-Modelle, die sie antreiben; Daten, die sie sinnvoll machen; Infrastruktur, auf der alles läuft; und Energie, um all das zu betreiben. Diese Elemente wirken nicht additiv, sondern multiplikativ. Wird eines davon zum Engpass, wird die gesamte Souveränität fragil.

Bei den Talenten hat die Schweiz grosse Stärken. Das duale Bildungssystem bildet hochwertige Fachkräfte aus, und der Standort bleibt attraktiv. Die grösste Gefahr liegt hier in der Selbstzufriedenheit, die sich auch in den aktuellen Budgetdebatten im BFI-Bereich zeigt. Kürzungen in diesem Bereich werden sich als strategischer Fehler erweisen.

Im Bereich der KI-Modelle ist die Lage schwieriger. Die führenden Systeme kommen heute fast ausschliesslich aus den USA oder China. Das Projekt Apertus, das ich stark unterstütze, verfügt derzeit nicht über die Ressourcen, um in der absoluten Spitzenliga mitzuhalten. Dennoch ist es strategisch äusserst wichtig. Ein offenes und transparentes Modell schafft eine Grundlage, auf der ein breites Ökosystem aufbauen kann, auch ausserhalb der Schweiz. Genau so entstehen künftige Wahlmöglichkeiten.

Bei den Daten ist das Bild gemischt. Die Schweiz verfügt über qualitativ hochwertige Datensätze, doch viele davon sind fragmentiert und schwer zugänglich. Neue gesetzliche Grundlagen wie das EMBAG haben zwar Fortschritte gebracht, aber die Lage bleibt unbefriedigend, besonders im Gesundheitswesen, wo die Schweiz im internationalen Vergleich bezüglich persönlicher Datenverfügbarkeit noch weitgehend am Anfang steht.

Mit Infrastruktur sind vor allem Chips und Rechenzentren gemeint. Die führenden KI-Chips stammen fast ausschliesslich von amerikanischen Herstellern, was eine geopolitische Verwundbarkeit schafft. Aber der Markt funktioniert, und die Schweiz hat heute Zugang. Die Frage ist, ob sie in einer Zeit, in der Sparen zur Obsession geworden ist, auch die nötigen Zukunftsinvestitionen in eigene Kapazitäten tätigen wird.

Schliesslich die Energie: Alles Vorhergehende nützt wenig, wenn die Energie fehlt oder zu teuer ist. Was mich besonders besorgt, ist der Energiebedarf agentischer KI, der massiv unterschätzt wird. Wenn agentische KI zwar Wertschöpfung ermöglicht, die dafür nötige Energie aber zu teuer ist, wird sich diese Wertschöpfung anderswo ansiedeln.

Mit KI von Abraxas steigern Verwaltungen ihre Effizienz. Schweizerisch. Sicher. Souverän.
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Was zu tun ist

Die Analyse zeigt: In mehreren Bereichen der KI-Lieferkette gerät der Handlungsspielraum der Schweiz unter Druck. Daraus lassen sich drei Konsequenzen ableiten.

  • Erstens braucht es substanzielle Investitionen. Infrastruktur, Energie und Talente gibt es nicht zum Nulltarif. Wenn die Schuldenbremse in ihrer heutigen Auslegung notwendige Zukunftsinvestitionen faktisch verhindert, wird sie zum Souveränitätsrisiko.
  • Zweitens braucht Apertus eine breitere Trägerschaft. Das Projekt ist strategisch richtig und wichtig, aber unterfinanziert. Es braucht neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Staat, Wissenschaft und Wirtschaft, damit es sein Potenzial entfalten kann.
  • Drittens braucht die Schweiz institutionell ein Zuhause für technologische Entscheidungen. Mit anderen Worten: Die Schweiz braucht ein Technologie-Departement. KI betrifft Bildung, Wirtschaft, Energie, Gesundheit und Sicherheit gleichermassen. Dennoch ist das Thema Technologie heute aus historischen Gründen über verschiedene Departemente verteilt. Solange Verantwortung so stark fragmentiert bleibt, werden die nötigen Entscheidungen zu spät, zu unkoordiniert oder gar nicht getroffen. Dafür hat die Schweiz keine Zeit mehr, wenn sie ihre Souveränität im KI-Zeitalter nicht verlieren will.
Marcel Salathé

Über Marcel Salathé

Marcel Salathé ist Professor an der EPFL und Co-Direktor des EPFL AI Center. Er leitet das Digital Epidemiology Lab und ist Mitgründer des AMLD Intelligence Summits, einer der führenden KI-Konferenzen Europas. Sein Buch «Kompass Künstliche Intelligenz» wurde zum Bestseller und erschien auch auf Französisch. Seine Forschung verbindet KI mit Gesundheit. Während der Pandemie war er bei der Entwicklung der SwissCovid-App involviert und präsidierte das Nationale Forschungsprogramm zu COVID-19.