
Welche Ereignisse und Entwicklungen haben das vergangene Jahr besonders geprägt?
Reto Gutmann: Im Umfeld der Gemeinden ist einiges gelaufen, und wir durften unter anderem wichtige Ausschreibungen gewinnen. Auch im Steuerbereich haben wir mit unserer neuen Lösung Taxa wichtige Meilensteine erreicht. Zudem haben wir mit dem Kanton St. Gallen zum aktuellen Thema E-Collecting ein Projekt gestartet – ein sehr innovatives Thema.
Auch das Thema künstliche Intelligenz hat uns stark beschäftigt. Wir haben uns intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie KI unsere eigenen Produkte sinnvoll ergänzen kann. Ein Grundservice an KI-basierten Anwendungen wird von Kunden nachgefragt, und wir haben bereits erste Pilotprojekte umgesetzt.
Parallel dazu war es für uns wichtig, bestehende Geschäftsbereiche stabil zu halten. Wir hatten erfreulicherweise im 2024 keine grösseren, flächendeckende Ausfälle in unseren Systemen. Die Stabilität unserer Lösungen ist ein zentraler Faktor für langfristige Partnerschaften.
Welche technologischen Trends werden die öffentliche Verwaltung in den nächsten Jahren prägen?
Vernetzung wird ein grosses Thema. Wie können Verwaltungsprozesse über föderale Ebenen hinweg oder zwischen verschiedenen Bereichen optimal verknüpft werden? Das ist oftmals nicht nur eine technische, sondern auch eine prozessuale und rechtliche Frage.

«Wir sind ein Puzzleteil in der digitalen Transformation – und eine Perle in der Schweizer IT-Landschaft.»
Welche Rolle spielt Abraxas in der digitalen Transformation der öffentlichen Hand?
Abraxas ist eine wichtige Akteurin, aber nur ein Puzzleteil. Wir liefern Werkzeuge und Lösungen für gewisse Aufgaben der öffentlichen Hand, um die Digitalisierung im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben voranzutreiben. Aber es braucht mehr als nur Technologie: Es gibt gesetzliche Grundlagen und es braucht die Einbettung in die jeweils lokal vorhandenen Prozesse und Werkzeuge. Und trotz aller Digitalisierung ist bis jetzt immer auch die Option vorgesehen, für Einwohnerinnen und Einwohner, die nicht digital unterwegs sind, einen analogen Service bereitzustellen.
Ist es manchmal schwierig, sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen?
Nein, ich sehe es eher als eine spannende Entwicklung. Ein gutes Beispiel ist das E-Collecting – also die digitale Sammlung von Unterschriften. Analog wissen wir genau, was eine Unterschrift bedeutet. Aber digital? Verlangt dieser Prozess nun eine qualifizierte Unterschrift, oder repräsentiert sie bloss eine Absichtserklärung? Solche Fragen können sich in einem solchen Vorhaben stellen, die ohne Digitalisierung keine Fragen waren.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kunden in diesem Bereich?
Digitalisierung ist ein gemeinsamer Prozess. Kunden kommen mit Anforderungen auf uns zu, oder wir bringen unsere Ideen ein. Wir bieten z. B. auch Digitalisierungsworkshops an. Es kann sein, dass ein Kanton sagt: «Wir wollen hier vorwärts machen», und wir sehen, dass wir die Voraussetzungen haben, um das zu unterstützen.
Was bedeutet Leadership für dich als CEO in dieser Phase?
Leadership bedeutet, Menschen mitzunehmen, dort abzuholen, wo sie stehen, und mit ihnen gemeinsam die nächsten Schritte zu gehen. Das gilt für die digitale Transformation genauso wie für jede andere Veränderung. Es geht um Zusammenarbeit – mit den Menschen, die unsere Produkte nutzen, aber auch mit unserem eigenen Team.
Du wirkst als Führungskraft stets ruhig und überlegt. Was ist dein Geheimnis?
Wahrscheinlich ist dies eine Charaktereigenschaft. Aber ich nehme mir auch bewusst Auszeiten – sei es ein Spaziergang mit dem Hund oder Zeit bei den Bienen. Ein kurzer Perspektivenwechsel hilft oft.

Wer ist Reto Gutmann?
Reto Gutmann (56) ist seit 2016 CEO der Abraxas Informatik. Den Schweizer IT-Markt kennt er aus langjähriger Erfahrung, unter anderem als ehemaliger CEO von Siemens IT Solutions and Services AG und als Leiter der ETH-Informatikdienste. Dort – an der ETH Zürich – hat er ursprünglich Elektrotechnik studiert. In seiner Freizeit ist der Vater dreier Kinder ein begeisterter Imker.

«Ich bin überzeugt, dass Digitalisierung die Demokratie stärkt – wenn sie richtig eingesetzt wird.»
Was motiviert dich in deiner Rolle als CEO?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Abraxas eine Perle in der Schweizer IT-Landschaft ist. Es gibt keine andere Firma, die so fokussiert auf die öffentliche Hand ist und gleichzeitig eine so breite Palette an Lösungen bietet. Das ist eine enorme Stärke und gleichzeitig eine grosse Motivation für mich. Wir haben zwar keinen öffentlichen Leistungsauftrag, aber unsere Arbeit ist essenziell für die Funktionsfähigkeit der Verwaltung in der Schweiz.
Gibt es Unterschiede zwischen Führungskräften in der Verwaltung und in der freien Wirtschaft?
Grundsätzlich nicht. Ich habe sowohl in der Verwaltung als auch in der freien Wirtschaft schon positive und negative Beispiele erlebt. Gute Führungskräfte entwickeln eine Vision für die Erfüllung ihrer Aufträge, vermitteln diese überzeugend und nehmen ihr Team mit auf den Weg. In der Verwaltung gibt es vielleicht mehr Rahmenbedingungen und Entscheidungsprozesse über mehrere Gremien. Aber die Grundprinzipien von Führung bleiben gleich.
Fördert Digitalisierung die Demokratie oder birgt sie Risiken?
Als Ingenieur überwiegen für mich zuerst einmal die Chancen: Und hier glaube ich schon, dass die Digitalisierung die Demokratie fördert. Digitalisierung ermöglicht es unter anderem, Menschen einfacher einzubinden, gerade auch im Ausland, wo Stimmberechtigte leichter erreicht werden können. Mit E-Collecting oder digitalen Umfragen lassen sich Bürger effizienter abholen und beteiligen – in diesem Sinne ist Digitalisierung ein Enabler. Gleichzeitig darf man Digitalisierung aber nicht als Selbstzweck betrachten. Es geht nicht darum, einfach alles zu digitalisieren, sondern darum, sinnvolle Lösungen zu schaffen, die echten Mehrwert bieten. Denn je mehr digitale Prozesse genutzt werden, desto grösser ist auch die Angst vor Manipulation. Das heisst nicht, dass es heute keine Manipulation gibt, aber die Wahrnehmung von Unsicherheiten steigt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass Digitalisierung die Demokratie stärkt, wenn sie richtig eingesetzt wird.
Ist es übertrieben zu sagen, dass Abraxas einen Beitrag zur Sicherung der Demokratie leistet?
Ich würde das nicht so formulieren. Wir sind kein politischer Akteur, sondern liefern die Infrastruktur. Aber ja, ein Teil der digitalen Demokratie basiert auf unserer Arbeit.
Wenn du einen Wunsch für Abraxas frei hättest – welcher wäre das?
Mehr Investitionsmöglichkeiten, um innovative digitale Lösungen schneller umzusetzen. Es gibt so viele spannende Themen, aber oft sind wir durch bestehende Legacy- Lösungen und Prozesse eingeschränkt.
Wo siehst du Abraxas in den nächsten Jahren?
Ich hoffe, dass wir weiterhin eine treibende Kraft in der Digitalisierung der öffentlichen Hand sein dürfen. Wichtig ist, dass wir uns an den Bedürfnissen der Kunden orientieren und dabei die Balance zwischen Innovation und Stabilität halten.
Hinweis: Im #TeamAbraxas sind wir alle per «Du» – auch mit unserem CEO. Diese Umgangsform pflegen wir auch hier in diesem Interview.