Womit rechnest du bei der öffentlichen Verwaltung bezüglich Digitalisierung in diesem Jahr?
Reto Gutmann: Ich sehe verschiedene Punkte. Einerseits gehe ich davon aus, dass die klassischen Digitalisierungsvorhaben schrittweise weitergetrieben werden – also die Transformation von Papierprozessen in digitale Prozesse.
Gleichzeitig wird es weitere Leuchtturmprojekte geben – allen voran VOTING E-Collecting, unsere Lösung zur digitalen Unterschriftensammlung, welche wir zusammen mit dem Kanton St. Gallen erstellen dürfen. Das ist ein wichtiger Schritt.
Und was sicher weiter stattfinden wird, sind diverse Testeinsätze mit KI. Die Verwaltung wird, wie viele andere auch, weitere Erfahrung mit den Möglichkeiten von KI sammeln. Gleichzeitig werden wir lernen, dass es dafür ein sauberes Daten- und Informationsmanagement braucht. Nur mit guten Basisdaten kann ich KI wirklich vielversprechend einsetzen.
Wenn man hinter den KI-Hype blickt: Wo siehst du heute konkrete Anwendungsfälle?
Da gibt es schon eine ganze Reihe. Enterprise Search, Protokolle erstellen, Transkriptionen – das brauchen verschiedene Ämter heute schon. Auch die Automatisierung bei der Prüfung von Unterlagen ist ein guter Anwendungsfall.
Ich glaube, der nächste Schwerpunkt wird bei Assistenzsystemen liegen. Ähnlich wie beim Autofahren: Assistenzsysteme bringen sehr viel, aber am Schluss ist immer noch der Mensch da. Erst in einem späteren Schritt, mit steigendem Reifegrad, wird es möglich sein, teilautonome oder autonome Lösungen zu haben.
«Wir sind eine rein schweizerische Firma. Diese Beständigkeit können wir weitergeben – auch in unsicheren Zeiten.»
Welche Besonderheiten gibt es bei KI-Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung?
Ganz klar die Thematiken rund um den Datenschutz. Da gibt es relevante gesetzliche Grundlagen: Was darf ich überhaupt, was darf ich verknüpfen? Nicht alles, was denkbar ist, ist auch umsetzbar.
Und wenn man über mehr als nur Assistenzsysteme sprechen will, kommt die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen dazu: Warum hat ein System etwas entschieden? Das wird immer wichtiger, je grösser die Autonomie ist.
Dann gibt es für mich noch einen weiteren Punkt: die Erwartungshaltung. Eine KI-Lösung ist nicht per se 100 Prozent korrekt. Ich muss mir vorher überlegen: Mit wie viel Genauigkeit kann ich leben? Wenn 85 Prozent reichen und mir das hilft, dann ist das gut. Wenn ich aber einen zu 100 Prozent korrekten Output brauche, ist KI wahrscheinlich nicht die richtige Lösung.
Bei KI wird oft Transparenz gefordert – wie stellen wir das sicher?
Das ist eine zwingende Voraussetzung. Wenn ich auf Basis einer gesetzlichen Grundlage einen Entscheid fälle, muss ich auch rückwirkend erklären können, warum. Das ist heute nicht die Stärke von KI, weil sie ein Statistikmodell ist.
Man muss festhalten können, mit welchen Parametern ein Entscheid zustande kam. Denn es kann sein, dass das Modell in drei Jahren zu einem anderen Ergebnis kommen würde. Ich kann nicht einfach nochmals rechnen und davon ausgehen, dass das Gleiche herauskommt. Ich muss den Entscheid so nachvollziehen können, wie er zum Zeitpunkt X entstanden ist.
Wie kann Abraxas Verwaltungen beim Einsatz von KI konkret unterstützen?
Wir haben eine eigene Plattform aufgebaut, die viele Möglichkeiten für KI-Lösungen bietet – insbesondere mit Blick auf Souveränität und Unabhängigkeit vom Ausland.
Zudem haben wir gezielt in Expertinnen und Experten investiert. Wir haben Consultants, mit denen wir gemeinsam mit unseren Kunden Lösungen entwickeln können.
Gibt es einen Anwendungsfall bei Abraxas, den du besonders gespannt beobachtest?
Wir sind mit Kunden dran, zum Beispiel im Bundesumfeld, eine Lösung auf dieser Plattform zu bauen. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.
Was mir in diesem Zusammenhang wichtig ist: KI ist nicht gratis. Häufig bringen KI-Lösungen deutliche Effizienzgewinne. Damit kann ich mit dem gleichen Ressourceneinsatz mehr leisten. Man spart so aber unter dem Strich nicht automatisch Geld.
Was bedeutet KI für die Arbeit unserer Software-Entwicklerinnen und -Entwickler?
KI unterstützt extrem stark. Die Effizienz steigt massiv, und wir nutzen das bei uns bereits. Die Fähigkeit, sehr schnell Code-Stücke zu erzeugen, ist beeindruckend.
Die Kompetenz unserer Mitarbeitenden verschiebt sich dabei. Es geht stärker darum, zu übersetzen: Was sind die Geschäftsanforderungen, und was bedeutet das am Schluss für eine Lösung, die mit Unterstützung von KI entsteht.
Was mich beschäftigt – und da fehlt mir persönlich noch die Erfahrung –, ist die Frage der Wartung. Wenn ich in Zukunft sehr komplexe Systeme mit KI erstelle, wie gut kann ich diese noch warten? In der Vergangenheit sind viele Ansätze wie Model-Driven Architecture genau daran gescheitert: Man kam zwar schnell zu einem Ergebnis, aber in der Realität wurde es extrem komplex und schwer wartbar.
Wenn ich den KI-erzeugten Code am Schluss im Detail verstehen und weiterentwickeln muss, wird das anspruchsvoll. Genau diese Frage wird uns in den nächsten Jahren stark beschäftigen.
Wer ist Reto Gutmann?
Reto Gutmann (57) ist seit 2016 CEO der Abraxas Informatik. Den Schweizer IT-Markt kennt er aus langjähriger Erfahrung, unter anderem als ehemaliger CEO von Siemens IT Solutions and Services AG und als Leiter der ETH-Informatikdienste. Dort – an der ETH Zürich – hat er ursprünglich Elektrotechnik studiert. In seiner Freizeit ist der Vater dreier Kinder ein begeisterter Imker.
«Für mich heisst digitale Souveränität konkret, dass ich jederzeit Kontrolle über meine Daten und Informationen habe.»
Welche Rolle spielt Abraxas in einer Welt, die zunehmend volatil wird?
Wir sind sicher in einer neuen Ära. Vieles, was früher gegolten hat – auch bei Lieferanten –, wird infrage gestellt. Wir sind permanent daran, Alternativen zu prüfen und Gespräche zu führen. Das können wir für unsere Kunden abfedern. Sie merken das oft gar nicht. Wir sind eine rein schweizerische Firma. Diese Beständigkeit können wir weitergeben – auch in unsicheren Zeiten.
In diesem Zusammenhang ist oftmals die Rede von digitaler Souveränität. Was bedeutet digitale Souveränität für dich?
Digitale Souveränität ist ein grosser Begriff. Hundertprozentige Unabhängigkeit vom Ausland ist aus meiner Sicht illusorisch. Das beginnt schon bei der Hardware.
Für mich heisst digitale Souveränität konkret, dass ich jederzeit Kontrolle über meine Daten und Informationen habe und dass ich in der Lage bin, diese in jedem Szenario weiterzunutzen. Das ist für mich der Kern.
Dazu kommen die datenschutzrechtlichen Aspekte. Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahren ein weiterer Punkt stark verstärkt, nämlich das Thema Abhängigkeiten und Lock-in. Man stellt sich heute viel stärker die Frage: Wie abhängig bin ich eigentlich von einem Lieferanten? Was passiert, wenn ein Anbieter plötzlich sagt, er liefert den Service nicht mehr oder passt die Preise massiv an?
Diese Abhängigkeiten – insbesondere bei grossen internationalen Anbietern, aber teilweise auch bei kleineren – führen dazu, dass man sich nach Alternativen umsieht. Aus dieser Perspektive sind Open-Source-Lösungen stark im Fokus. Sie sind nicht die perfekte Lösung für alles, aber als Alternative in dieser Situation sicher ein sehr spannender und prüfenswerter Ansatz.
Du kommst jeden Morgen mit einem Lächeln ins Büro und strahlst viel Positivität aus. Was motiviert dich persönlich in deinem Alltag als CEO?
Danke für die Rückmeldung. Wir haben ein cooles Team. Wenn man reinkommt, spürt man das Engagement. Und man bekommt viel zurück – das ist schon Gegenseitigkeit.
Was mich insgesamt motiviert: Wir können bei Abraxas sehr viel machen. Ich sage immer, Abraxas ist eine Perle im Schweizer Umfeld. Solche Firmen gibt es nicht viele.
Was findest du aktuell persönlich spannend – technologisch gesehen?
Ich habe gelesen, dass es neue Brillengläser geben soll, die die Sehschärfe automatisch einstellen. Das finde ich gerade als etwas älterer Brillenträger natürlich faszinierend.
Geschäftlich ist es natürlich die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung. Die Verdopplung findet nicht mehr alle 18 Monate statt, sondern teilweise alle sechs Monate oder schneller. Die Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu lösen, nimmt enorm zu.
Und ganz persönlich träume ich immer noch vom humanoiden Haushaltsroboter, der zuhause alles macht.
Hinweis: Im #TeamAbraxas sind wir alle per «Du» – auch mit unserem CEO. Diese Umgangsform pflegen wir auch hier in diesem Interview.