Digital Europe: Mailand macht die Smart City zum Experimentierfeld

Wie werden aus Ideen für die Smart City Lösungen, die im Alltag tatsächlich funktionieren? Mailand hat dafür einen eigenen Ort geschaffen. Im SmartCityLab entwickeln und testen Startups, Unternehmen, Verwaltung und Bevölkerung gemeinsam Technologien für die Stadt von morgen.

Von Samuel Näf · 31. August 2026

Kreativer Ort für Experimente rund um die Stadt der Zukunft: SmartCityLab Milano (Foto: Comune di Milano)

Smart City klingt schnell nach Sensoren, Datenplattformen und Netzwerken. Mailand versucht, das Konzept greifbarer zu machen. Seit Sommer 2025 gibt es dafür an der Via Ripamonti im Süden der Stadt einen eigenen Ort: das SmartCityLab Milano.

Auf mehr als 2000 Quadratmetern treffen dort Startups, Unternehmen, Forschung, Verwaltung und Bevölkerung aufeinander. Neue Technologien sollen nicht nur präsentiert, sondern ausprobiert, weiterentwickelt und möglichst in reale Anwendungen überführt werden. Das Gebäude ist Inkubator, Testlabor, Showroom und Begegnungsort zugleich.

Die Stadt als Testfeld

Die Themenpalette ist breit. Sie reicht von Energie, Mobilität und Gebäuden über Umwelt und Stadtleben bis zu Gov-Tech und E-Government. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Technologie als die Frage, ob sie ein konkretes städtisches Problem lösen kann.

Das zeigt sich etwa im Accelerator-Programm Human+AI. In der ersten Runde wurden zehn Startups begleitet. Eines davon analysiert mit Geodaten und Big Data urbane Probleme und Kriminalitätsphänomene. Ein anderes entwickelt IoT-Lösungen für Parkplätze, Ladeinfrastruktur und Mobilitätsmanagement. Ein drittes digitalisiert die Organisation nicht dringlicher Krankentransporte.

Die Startups erhalten nicht nur Beratung zu Geschäftsmodellen, Finanzierung oder Regulierung. Das Lab soll sie auch mit potenziellen Anwendern zusammenbringen – darunter öffentliche Verwaltungen. Genau hier setzt das sogenannte Venture Clienting an: Statt Innovation lediglich zu fördern, können Städte und Unternehmen neue Lösungen als erste Kunden testen und gemeinsam mit den Anbietern weiterentwickeln.

Ein Gebäude, das selbst Smart City sein will

Auch das SmartCityLab selbst dient als Demonstrationsobjekt. Photovoltaik, Geothermie, Regenwassernutzung sowie begrünte Dächer und Fassaden gehören zum Konzept. Im Innern befinden sich unter anderem Coworking-Flächen, Räume für Startups, ein Auditorium und Bereiche, in denen neue Technologien gezeigt und ausprobiert werden können.

Ein Teil der Technik wird dauerhaft ins Gebäude integriert, anderes wechselt als temporäres Demo- oder Testobjekt laufend. Besucherinnen und Besucher sollen die Lösungen nicht nur anschauen, sondern testen und Rückmeldungen geben können.

Damit verfolgt Mailand einen Ansatz, der über einen klassischen Innovationshub hinausgeht: Die Stadt schafft einen Ort, an dem sich Technologien mit realen Bedürfnissen und echten Nutzerinnen und Nutzern konfrontieren lassen.

Vom Datenraum bis zum digitalen Zwilling

Das SmartCityLab ist Teil einer umfassenderen Digitalstrategie der Stadt. Mit dem Ecosistema Digitale Urbano betreibt Mailand eine Plattform, über die Verwaltung, öffentliche Unternehmen, Hochschulen und Privatwirtschaft urbane Daten nach gemeinsam definierten Regeln austauschen können. Die Stadt orientiert sich dabei an Prinzipien wie Transparenz, Fairness, Gegenseitigkeit und Verantwortung.

Gleichzeitig arbeitet Mailand an einem erweiterten digitalen Zwilling. Daten aus unterschiedlichen städtischen Systemen werden darin zusammengeführt, um Entwicklungen besser zu analysieren, Planungen zu unterstützen und Entscheidungen vorzubereiten.

Das SmartCityLab bildet gewissermassen die physische Ergänzung zu dieser digitalen Infrastruktur: Daten, Plattformen und Modelle werden dort mit konkreten Anwendungen verbunden.

Das SmartCityLab bietet Raum für verschiedene partizipative Formate. (Foto: SmartCityLab Milano)

Innovation braucht einen Ort

Die Idee für das Lab ist nicht neu. Bereits 2014 wurden die politischen Grundlagen für einen Smart-City-Inkubator gelegt. Bis zur Eröffnung im Juli 2025 vergingen allerdings mehr als zehn Jahre. Heute wird das Gebäude von einem privatwirtschaftlichen Konsortium betrieben, während die Stadt Eigentümerin bleibt und den strategischen Rahmen setzt. Dieses Public-Private-Partnership gehört zum Kern des Modells.

Mit Veranstaltungen für Gemeinden aus der Lombardei öffnet sich das Lab zudem über Mailand hinaus. Dabei geht es beispielsweise darum, wie generative künstliche Intelligenz bei Verwaltungsunterlagen, Ausschreibungen oder Gesuchen eingesetzt werden kann – aber auch um Datenschutz, Regulierung und Beschaffung.

Seit Sommer 2026 ist mit einem grossen Telekommunikationsanbieter zudem ein eigener Innovation Hub im Lab vertreten. Dort können unter anderem Anwendungen rund um 5G, IoT, Cloud, Edge Computing, Cybersecurity und künstliche Intelligenz erprobt werden.

Smart-City-Labore sind auch in der Schweiz keine völlig neue Idee

Das Smart City Lab Basel bot von 2019 bis 2023 auf dem Wolf-Areal Raum für Pilotprojekte zu Themen wie Citylogistik, Smart Waste oder intelligenter Beleuchtung. In Winterthur bringt das WinLab heute Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Bevölkerung zusammen, um urbane Lösungen unter realen Bedingungen zu entwickeln und zu testen. Auch in Dietikon, Aesch oder St. Gallen dienen einzelne Quartiere und Infrastrukturen als Experimentierfelder für Smart-City-Anwendungen. Die Stadt Zürich wurde 2026 gar erneut als smarteste Stadt der Welt ausgezeichnet.

Der Unterschied liegt vor allem in der Bündelung. Was in der Schweiz häufig auf verschiedene Programme, Reallabore und Innovationspartnerschaften verteilt ist, vereint Mailand an einem dauerhaften Ort: Startup-Förderung, Venture Clienting, Technologiedemonstration, Weiterbildung, Zusammenarbeit mit der Verwaltung und Austausch mit der Bevölkerung.

Dabei muss ein solcher Innovationsraum nicht zwingend ein eigenes Gebäude sein. Entscheidend ist vielmehr, dass Verwaltungen Räume und Prozesse schaffen, in denen neue Lösungen früh mit realen Anforderungen konfrontiert und gemeinsam mit Nutzerinnen und Nutzern erprobt werden können. Interessant ist dabei vor allem die Rolle der Verwaltung. Sie ist nicht nur Förderin von Innovation, sondern kann gleichzeitig Gastgeberin, Testpartnerin und spätere Anwenderin sein. Neue Lösungen erhalten damit früher Kontakt zur Realität einer Stadt – und Verwaltungen können ausprobieren, bevor sie sich langfristig für eine Technologie entscheiden.

Ob daraus tatsächlich bessere Verwaltungsleistungen und messbare Verbesserungen für die Bevölkerung entstehen, muss sich noch zeigen. Belastbare Zahlen dazu, wie viele Lösungen aus dem SmartCityLab bereits dauerhaft in den Betrieb der Stadt übernommen wurden, gibt es bislang kaum.

Doch der Ansatz ist vielversprechend: Mailand versteht die Smart City nicht allein als technische Infrastruktur. Die Stadt schafft bewusst ein kreatives Experimentierfeld. Einen Ort, an dem neue Technologien gemeinsam ausprobiert werden können – bevor entschieden wird, ob sie tatsächlich Teil der Stadt von morgen werden. Der Ansatz liefert Schweizer Städten dennoch einen interessanten Impuls: Nicht alle Bausteine müssen neu erfunden werden – entscheidend ist, wie konsequent sie miteinander verbunden werden.

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Im SmartCityLab finden regelmässig Veranstaltungen statt. (Foto: SmartCityLab Milano)