Sie schreiben für uns Rezepte, formulieren Mails, je nach Wunsch in seriösem oder kollegialem Ton. Und so mancher beschreibt ChatGPT, rund um die Uhr ansprechbar, sogar als besten Freund. KI-basierten Chatbots wird immer häufiger mehr vertraut als menschlichen Entscheidungen. Sie werden bei Beziehungsproblemen
zurate gezogen, bei medizinischen Fragen oder in Schule und Studium.
Claudia Paganini, Privatdozentin an der Universität Innsbruck, ist Philosophin und Theologin und hat ein Buch geschrieben, das sowohl in Religions- wie auch in Tech-Kreisen rezipiert wird. «Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche» lautet der Titel. Manch gläubiger Mensch reagierte erschüttert, sogar beleidigt. Dabei will die Philosophin, die sich mit dem Thema KI aus religionsphilosophischer Sicht beschäftigt, nicht die KI und ihre Anwendungen als anbetungswürdig darstellen. Vielmehr wird die KIGläubigkeit der Menschen im digitalen Zeitalter auf die Probe gestellt.
Künstliche Intelligenz bietet den Menschen heute Sinnstiftung, Orientierung, Antworten – ganz wie eine
Religion. Anfangs sei das ein Gedankenspiel gewesen, erzählt Paganini. In ihrer Zeit als Professorin für Medienethik in München wurde das Thema KI samt Chancen und Gefahren relevant. «Viele haben ChatGPT und anderes ausprobiert, es wurde gesellschaftlich bedeutsam.» In Interviews und bei Vorträgen erreichten sie viele Fragen nach einer Bewertung aus moralphilosophischer Perspektive. Etwa, wie sich die KI auf unsere Demokratie auswirkt. «Und mein Eindruck war, dass der Fragebedarf über das hinausgeht, was ausgesprochen wird. Als ob eine Art spirituell-religiöser Erwartungshaltung an die KI mitschwingt.»
«Unser Umgang mit KI mutet wie die Vorstufe zu einer neuen Religion an.»
Claudia Paganini
Claudia Paganini studierte Philosophie und Theologie in Innsbruck und Wien und promovierte in Kulturphilosophie. Ihre Habilitation widmete sie der Medienethik. Forschungs- und Lehraufenthalte führten
sie unter anderem nach Athen, Limerick und Mailand. Nach einer Professur für Medienethik in München ist sie heute an der Universität Innsbruck tätig.
Paganini schreibt Sachbücher für ein breites Publikum. «Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche» erschien im Mai 2025 im Herder Verlag.
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit engagiert sie sich politisch als Gemeinderätin der Grünen in Natters (Tirol) und tritt regelmässig bei Science-Slams auf.
Analogien von Religion und KI
Menschen gehen mit der KI um wie mit einer Gottheit, wie mit einem religiösen Phänomen, so Claudia Paganinis These. Anhand von neun klassischen göttlichen Eigenschaften quer durch die Religionsgeschichte
– etwa Allwissenheit, Allgegenwart, Sinnstiftung oder Fürsorglichkeit – erarbeitete sie Analogien von Religion und künstlicher Intelligenz.
ChatGPT und Co. geben nicht nur Hilfe im Alltag oder Job. «Menschen erleben wirklich Sinnstiftung. Ein personales Gegenüber mit Transzendenz- und Nahbarkeitserfahrung », so Paganini. «Menschen haben das Gefühl, da draussen ist jemand, der immer für mich da ist und sich für mich interessiert.» Obwohl das nur eine Illusion sein kann, «denn ein Programm hat keine Personalität, da ist niemand, der sich für mich interessiert». Trotzdem geben sich Menschen gerne dieser Illusion hin und verhalten sich gegenüber der KI, als sei sie eine neue Gottheit: allwissend, allgegenwärtig, sinnstiftend und fürsorglich: «Und das ist in der
Religionsgeschichte in der Regel die Vorstufe für eine neue Religion.»
Hinter der Illusion
Vergöttlichen Menschen die KI, sei das per se kein Problem, betont Claudia Paganini. Doch man müsse sich bewusst sein, was im Hintergrund damit unterstützt wird. «Jede Religion hat ihre religiösen Eliten, die eigentlichen Nutzniesser der Religiosität.» Und wie in jeder (neuen) Religion sichern diese sich Prestige, Macht, materielle Vorteile. Man müsse also fragen: «Welche Umwertungen von Werten passieren, welche neuen religiösen Eliten werden aufkommen und wie wird ihnen Macht übertragen?»
Es sind meist US-amerikanische Tech-Konzerne und Netzwerke, die von diesem neuen Markt profitieren. «Und ich kann mit KI zwar tun, was auch immer ich will, solange ich keinen Schaden anrichte. Doch Schaden richte ich schnell an», analysiert die Philosophin. Spassabfragen, um die KI zu testen, oder das massenhafte Generieren von Texten und Bildern haben Folgen. Zum einen hohen Ressourcenverbrauch. Zum anderen werden unter anderem soziale Ungerechtigkeit und schlechte Arbeitsbedingungen in sogenannten Dritte-Welt-Ländern gefördert.
Claudia Paganini untersuchte auch das menschliche Bedürfnis hinter der KI-Gläubigkeit. Denn warum braucht es einen neuen Gott? «Die Gegenwart ist von multiplen Krisen und einem fundamentalen medialen Wandel geprägt», erklärt sie. Spirituelle Sehnsüchte treffen auf eine Welt der technischen Verfügbarkeit.
«Menschen setzen ihre Energie in erster Linie für die Befriedigung von Bedürfnissen ein. Die KI befriedigt viele soziale und religiöse Bedürfnisse sehr schnell», beobachtet die Philosophin. Sozusagen auf Knopfdruck.
Dabei stellen sich natürlich auch unbequeme Fragen. Etwa, warum man KI-Ratschlägen mehr vertraut als der Partnerin, dem besten Freund oder einer Psychotherapeutin. Oder warum man Tools zutraut, in einem Bewerbungsprozess die geeigneteren Kandidatinnen und Kandidaten zu küren. Doch gegenüber dem menschlichen Streben nach Bedürfnisbefriedigung «ist der Erkenntnisgewinn zweitrangig», so die Buchautorin: «Wenn die Erkenntnis vielleicht schädlich wäre, weil ich mich dann einer Illusion nicht mehr hingeben kann, dann werde ich das sogar abwehren.»
Jede Religion braucht Religionskritik – auch die KI
Dabei sei Religionskritik notwendig, sagt Claudia Paganini. Zunächst im Sinne einer Religionsfreiheit – wir dürfen vergöttlichen, wen oder was wir wollen. Und dann als Korrektiv. So gab es auch im Christentum rigide Vorschriften, die sich überholt haben. «Wenn Generationen glaubten, sie müssen in gewalttätigen, unglücklichen Ehen ausharren, weil das der Wille Gottes ist, dann hat die Religion den Menschen eschadet.» Und heute brauche es Kritik an KI-Frömmigkeit.
Diese wird immer wieder formuliert. 2023 forderten Schlüsselfiguren aus dem Bereich der KI, das Training fortgeschrittener KI zu stoppen, bis sie angemessen reguliert werde. Entwicklerinnen und Entwickler warnen immer wieder vor einer drohenden Vernichtung der Menschheit. Auch Claudia Paganini plädiert dafür, die technologischen Entwicklungen kritisch zu beobachten und wichtige Weichen für digitale Souveränität zu stellen: «Jetzt ist der Moment, wo Konsumentinnen und Konsumenten darauf pochen müssen, dass zum Beispiel Daten geschützt werden. Und es ist wichtig, dass Entscheidungsgewalt auch zu den Nationalstaaten, zur Politik zurückgeht.»
Hinter der digitalen Souveränität stecken Bestrebungen eines selbstbestimmten, sicheren und unabhängigen Umgangs mit IT-Infrastruktur, Daten und digitalen Diensten. Und zwar für Behörden, Unternehmen, aber auch für uns alle, die Bürgerinnen und Bürger. Es bedeutet die Kontrolle über Daten, Wahlmöglichkeiten bei der IT-Infrastruktur, Unabhängigkeit von einem Software-Anbieter, grundsätzlich wenig oder keine Abhängigkeit von Plattformen.
«Digitale Souveränität heisst: couragiert handeln statt vor der Macht der Grosskonzerne zu resignieren.»
«Das kann man couragiert angehen. Man muss keinesfalls gegenüber der vermeintlichen Übermacht der Grosskonzerne resignieren», betont die Philosophin. Es sei in der Wirtschaftsgeschichte zu beobachten, «dass oft kleine Länder, Kommunen oder Modellregionen eine Vorbildwirkung haben». Jetzt sei der richtige Moment, «alternative Konzepte zu erproben, die auf Partizipation, Inklusion und Gerechtigkeit abzielen».
«Die KI neigt zum Fantasieren»
Und wie verwendet die Buchautorin selbst die KI? «Nicht am Mobiltelefon und nur zum Arbeiten», sagt sie. Etwa um studentische Texte auf eine mögliche KI-Nutzung zu überprüfen («das macht die KI ganz gut»), auch um Prüfungsfragen zu checken («ich wähle für Prüfungen dann die Fragen, die von der KI am schlechtesten beantwortet werden»). Nicht um die Studierenden zu frustrieren, sondern «um eine Art von Leistungsfeststellung machen zu können. Denn ein Studium macht nicht mehr so viel Sinn, wenn es nur eine Frage vom richtigen Prompt-Eingeben ist.»
Vor allem plädiert Claudia Paganini dafür, die KI nur in den Bereichen einzusetzen, in denen Expertise vorhanden ist, um die Antworten adäquat einordnen zu können, denn: «Die KI neigt zum Fantasieren.»