Gastkolumnen im Abraxas Magazin
Das Abraxas Magazin lädt Gastautorinnen und -autoren dazu ein, pointiert zu Aspekten der Digitalisierung Stellung zu nehmen. Die Texte geben die Ansichten und Meinungen der Autorinnen und Autoren wieder und können von der Position von Abraxas abweichen.
«Wir lagern nicht nur Daten aus, sondern die Deutungshoheit über unsere eigene Realität.»
Fremde Richter! Souveränität! Unsere Werte! Die Schlagworte, die die grösste Schweizer Partei regelmässig verwendet, gelten offenbar nur für die analoge Welt. Kaum geht es um digitale Infrastruktur, verwandeln sich dieselben Souveränitäts-Politiker zu Bittstellern im Silicon Valley. «Amerika innoviert. China kopiert. Europa reguliert», sagte einmal ein Nationalrat dieser Partei zu mir.
Falsch ist das nicht. Aber ironisch! Die gleiche Partei, die bei internationalen Einfluss besonders kritisch reagiert, hat kein Problem damit, die sensibelsten Daten von Verwaltung, Politik und unserer Bürgerinnen und Bürger auf die Server von Microsoft, Amazon oder Google zu delegieren. Aber das ist erst der Anfang: Die Cloud-Kapitulation ist das eine, die noch viel gefährlichere Abhängigkeit entsteht gerade bei Künstlicher Intelligenz.
Warum gefährlicher? Wer die grossen Sprachmodelle kontrolliert, nimmt Einfluss auf unsere Demokratie und die Meinungsbildung. Wenn Algorithmen aus Kalifornien entscheiden, welche Fakten priorisiert, welche Nuancen weggefiltert und welche Werte in die Antworten eingewebt werden, dann werden Stimmbürgerinnen und Stimmbürger unmerklich fremdbestimmt. Wir lagern nicht nur Daten aus, sondern die Deutungshoheit über unsere eigene Realität.
Weil KI die Zukunft bestimmt, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit:
Zwischen 1872 und 1880 wurde in nur acht Jahren der 15 Kilometer lange Gotthard-Eisenbahntunnel gebaut. Er wurde zur zentralen Transitdrehscheibe zwischen Nord- und Südeuropa und führte zum Aufschwung von Handel, Tourismus und Banken in der Schweiz. Damals konnte die Schweiz gross denken und baute Infrastruktur für Jahrhunderte. Und heute?
Heute mieten wir die digitalen Trassen bei ausländischen Grosskonzernen. Wenn die Schweiz wieder innovativ und souverän sein will, braucht es wieder ein ambitioniertes Projekt. Eine staatliche KI-Infrastruktur kann – nein, muss! – zum Gotthard-Tunnel des 21. Jahrhunderts werden. Wer den Tunnel nicht selbst baut, wird am Ende nur Gast auf den Schienen anderer sein. Und den Fahrplan bestimmen dann Seattle und Mountain View statt Bern.
Und wenn Sie jetzt schon innerlich nachrechnen, was das alles kostet: Alfred Escher investierte für den Gotthard-Bau rund zehn Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung. Verglichen mit dem heutigen BIP und angenommenen Kosten von zehn Milliarden Franken für eine autonome KI-Infrastruktur wäre sie etwa zehnmal günstiger zu haben als damals der Tunnel.
Worauf warten wir noch? Es ist Zeit, dass wir in der Schweiz wieder anfangen zu graben.
Über Reto Vogt
Reto Vogt ist freier Schweizer Tech-Journalist, Keynote-Speaker und Experte für KI, Medien und Technologie. Seit Januar 2026 verantwortet er als Chief Program Officer das gesamte Aus- und Weiterbildungsangebot an der Journalismusschule MAZ. Zuvor war er dort Studienleiter sowie von 2021 bis 2024 Chefredaktor von inside-it.ch. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Winterthur.