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Mein Tag: Bildung ist Menschlichkeit im Gefängnisalltag

In den Vollzugseinrichtungen des schweizerischen Straf- und Massnahmenvollzugs werden erwachsene inhaftierte Personen im schulischen Bereich gefördert. Bildung im Strafvollzug (BiSt) erleichtert den Alltag im Gefängnis und ist ein Baustein der künftigen Resozialisierung. Christiane Kamradt nennt es «den ersten Schritt auf dem deliktfreien Weg.» Wir folgen der Erwachsenenbildnerin für einen Tag.

Von Bruno Habegger · 30. Juni 2022, aktualisiert am 1. Juli 2022

Christiane Kamradt, 49, arbeitet seit drei Jahren als Lehrperson Bildung im Strafvollzug BiSt beim Schweizerischen Kompetenzzentrum für den Justizvollzug SKJV. Sie hat zudem Englisch studiert. (Bild: SKJV)

Der Morgen

Sitzungen, Berichte, Administration.


Mein Dienstag in der JVA Solothurn in Deitingen beginnt um 8 Uhr mit einer Inputsitzung. Dabei wird jeder Insasse besprochen. Es sind Schwerkriminelle oder Menschen, die aus psychischen Gründen mit einer Massnahme belegt hier gelandet sind. Ich höre, was mit ihnen geschehen ist, erfahre, was therapeutisch läuft und welche Konflikte gerade bestehen. Der Austausch erfolgt interdisziplinär, auch mit Psychologen und den anderen Lehrpersonen. Danach stehen administrative Arbeiten und Unterrichtsvorbereitung an. Ich muss Berichte schreiben, die Präsenzkontrolle führen, das Material bereitstellen, die Computer checken. Wenn die Insassen dann einmal im Raum sind, darf ich ihn aus Sicherheitsgründen nicht mehr verlassen. Darum nehme ich mir die Zeit für eine gründliche Vorbereitung. Der Unterricht beginnt nach dem Mittagessen.

Die IT

Die Mittel.


Digitalisierung ist auch für uns als Bildungseinrichtung im Strafvollzug ein grosses Thema. Sie gibt uns die Freiheit, mit den Menschen individuell zu arbeiten – sie auf eine mögliche Freiheit in der Zukunft vorzubereiten. iPads und Handys sind natürlich nicht erlaubt. Office-Werkzeuge sind nur im Offline-Modus zugänglich. Die Insassen haben mit einfachen und zweckmässigen PCs Zugriff auf den zentralen BiSt-Server mit dem Unterrichtsmaterial und der Lernsoftware. Zudem können sie stark eingeschränkt auf das Internet zugreifen, zum Beispiel auf Nachrichten oder Dokumentationen. Während des Unterrichts öffnet sich ihnen für kurze Zeit ein digitales Fenster zur Aussenwelt.

In den Unterrichtsräumen ist der Zugang zum Internet stark eingeschränkt. Digitalisierung ist aber auch für die inhaftierten Person zentral. (Bild: SKJV)

Der Nachmittag

Der Unterricht.


Während vier Stunden betreue ich eine kleine Gruppe von Insassen. Im ersten Teil geht es im Plenumsunterricht um allgemeinbildende Themen, danach um die individuellen Lernbedürfnisse der Insassen. Sie sind sehr heterogen in ihren Vorkenntnissen und bezüglich ihres kognitiven Potenzials. Die einen lernen Deutsch, die anderen verbessern ihre IT-Fähigkeiten oder schärfen ihre Mathematik-Kenntnisse. Der Unterricht ist freiwillig, daher die Motivation jeweils hoch. Gute Gespräche entstehen, Bildung hat eine befreiende Wirkung, das spüre ich jedes Mal. Das motiviert mich. Der Unterricht ist eine wertfreie Insel im Gefängnisalltag. Um 17 Uhr ist der Unterricht beendet.

Arbeitsort

Die Justizvollzugsanstalt Solothurn in Deitingen ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Es bietet 66 Plätze für den geschlossenen Massnahmenvollzug und 27 Plätze für den geschlossenen Strafvollzug. In der Spezialabteilung Integrationsvollzug werden Insassen in interdisziplinärer Zusammenarbeit auf den internen oder externen Normalstrafvollzug vorbereitet. Zusätzlich verfügt die JVA Solothurn über eine spezialisierte Wohngruppe für verwahrte Straftäter.

Der Unterricht erleichtert den Alltag im Gefängnis. (Bild: SKJV)

Der Abend

Zeit zur Reflektion.


Das Schwierigste an der Arbeit ist die Abgrenzung, wenn man Menschlichkeit schafft und trotzdem auf Distanz bleiben muss. Das braucht eine gewisse Lebenserfahrung, um das aushalten zu können. Mich beeindrucken jene Mitarbeitenden, die mit kleinen und grossen Gesten Menschlichkeit im Hochsicherheitsgefängnis erzeugen.


Meine Arbeit erfüllt mich, denn meine Kolleginnen und Kollegen und ich tragen bestimmt dazu bei, die Chance auf ein deliktfreies Leben zu erhöhen. Menschen ohne Schulabschluss haben oft ein kriminelles Leben geführt – das soll sich mit dem Bildungsangebot verändern. Bildung schützt vor falschen Einflüssen. Ich glaube an das Prinzip der zweiten Chance. Nach einer Verlegung oder einem Austritt bricht der Kontakt zu einer inhaftierten Person natürlicherweise ab. Somit weiss ich nicht, ob der Mensch den Schritt in das «normale Leben» geschafft hat oder rückfällig wird. Bisher habe ich niemanden wieder im Unterricht angetroffen.

Die Pädagogin und Erwachsenenbildnerin lebt mit ihrer Familie in Bern. (Bild: SKJV)

Das SKJV und Abraxas

Das Schweizerisches Kompetenzzentrum für den Justizvollzug SKJV ist eine Stiftung des Bundes und der Kantone. Es fördert die Harmonisierung in den Aufgabenbereichen des Justizvollzugs. Bildung im Strafvollzug (BiSt) wird in 37 Justizvollzugsanstalten angeboten, davon befinden sich 23 in der Deutsch- und 14 in der Westschweiz. Über 2000 Bildungsteilnehmende nehmen im Jahr 2021 am BiSt-Unterricht teil. Es sind 104 Nationalitäten vertreten. 49 Lehrpersonen unterrichteten 2021 für BiSt in 159 Lerngruppen.


Abraxas betreibt die ICT-Grundversorgung der Stiftung und aller Lehrpersonen. Konkret heisst dies: Public Cloud (Microsoft Azure), Microsoft Office 365, Managed Network, Workplace, Beamer und Telefonie, Support und Prozesse sowie Datenschutz, Informations- und Datensicherheit aus einer Hand. Mehr dazu auch in der Case Story zum SKJV.

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