Das Rennen um die KI-Vorherrschaft

Die europäischen Staaten im KI-Sektor seien deutlich im Rückstand, warnen Expert:innen in der Publikation «Europe 2031». Sie müssten rasch umdenken, Kapital in ungewohnter Höhe mobilisieren und sich gemeinsam positionieren. Andernfalls werde Europa neben den USA und China in die Bedeutungslosigkeit abgleiten.

Von Eveline Rutz · 27. Oktober 2026

Europa drohe die KI-Revolution zu verpassen. Es habe unterschätzt, wie schnell KI vorankommen und wie viel sie verändern würde. Es sei fälschlicherweise davon ausgegangen, dass sich der Rückstand aufholen lasse – und sei dabei immer abhängiger geworden. 

Zu dieser Einschätzung kommt eine Gruppe von KI-Fachleuten aus Forschung, Denkfabriken und Investorenkreisen. Sie hat kürzlich «Europe 2031» publiziert, um die Öffentlichkeit wachzurütteln. Anhand eines fiktiven Szenarios zeigen die Autor:innen auf, was in den nächsten fünf Jahren auf die europäischen Staaten zukommen könnte, wenn sie ihren bisherigen Kurs beibehalten. «Wir geraten wirtschaftlich und politisch ins Abseits», warnen sie. «Unsere Werte können wir dann nicht mehr verteidigen und neuen Risiken haben wir nichts mehr entgegenzusetzen.»

Europa muss im Rennen um die KI-Vorherrschaft deutlich aufholen. (Bild: KI-generiert)

USA: Dank privater Geldgeber führend 

Die USA und China dominieren den Wettlauf um die Vorherrschaft bei KI dank unterschiedlicher Strategien. In den USA sind es private Unternehmen und Investoren, die den KI-Sektor vorantreiben. Der Staat steht ihnen mit einer wirtschaftsfreundlichen Politik zur Seite. Er investiert in innovationsfreundliche Bedingungen und reguliert zurückhaltend. Diese Haltung zeigt sich aktuell in der Debatte über negative Folgen von KI. So lehnt die Regierung Forderungen nach mehr staatlichen Vorgaben entschieden ab. Donald Trump will den Vorsprung auf China keinesfalls gefährden. «Whoever wins AI, wins», stellt er klar. Insgesamt gewährt der amerikanische Staat den Tech-Giganten grosse Freiheiten. Gleichzeitig hat er sich mit dem Cloud Act den Zugriff auf die Daten gesichert, die bei US-Anbietern gespeichert sind. US-Behörden können selbst dann auf solche Daten zugreifen, wenn die Server in einem anderen Staat stehen.

China: Der Staat treibt die KI voran


In China ist die Regierung federführend. Sie steuert die KI-Entwicklung und fördert sie mit hohen Subventionen. Im Gegensatz zu den USA hält sie ihre Modelle nicht unter Verschluss. Sie veröffentlicht deren Parameter, nicht jedoch deren Trainingsdaten (Open-Weight). Die chinesischen Modelle können im Internet frei heruntergeladen, genutzt und weiterentwickelt werden. 
In China stehen bei der KI staatliche Interessen im Vordergrund. Laut Staatschef Xi Jinping soll die neue Technologie «dem gemeinsamen Wohlstand» dienen. Die Modelle werden mit Daten trainiert, welche die Ansichten der Kommunistischen Partei wiedergeben. Die Inhalte, die sie generieren, können entsprechend politisch gefärbt sein. Gemäss Expert:innen könnten Open-Weight-Modelle zudem versteckte Anweisungen enthalten. Chatbots könnten so gebaut sein, dass sie bei bestimmten Wörtern Daten preisgeben oder einen schädlichen Code aktivieren.

Mehr Regulierung und weniger Tempo in Europa

Europa hat die KI-Entwicklung weniger entschlossen vorangetrieben. Dies hat unter anderem mit einer verbreiteten Skepsis zu tun, wie «Europe 2031» ausführt. Spitzenpolitiker:innen zweifelten lange an der Leistungsfähigkeit von KI-Modellen. Sie investierten daher nur zurückhaltend in die neue Technologie. Private Geldgeber sind seltener als in den USA. Hinzu kommt, dass Europa ethische sowie soziale Aspekte stärker gewichtet als die globale Konkurrenz und sich stark auf die Regulierung konzentriert hat. Es hat strengere Gesetze etwa zum Datenschutz oder zur Nachhaltigkeit, was sich aufs Tempo innovativer Prozesse auswirkt.

Europa muss öffentliches und privates Kapital in einer Grössenordnung mobilisieren, wie sie der Kontinent zu Friedenszeiten noch nicht gewagt hat. Fachgruppe «Europe 2031»

Rechenleistung wird ein entscheidender Faktor sein 


Die «Europe 2031»-Autor:innen gehen davon aus, dass Rechenkapazität (Compute) zu einer der weltweit wichtigsten strategischen Ressourcen werden wird. «Denn wie viel Compute ein Land oder Kontinent kontrolliert, entscheidet zunehmend darüber, ob es fortschrittliche KI-Systeme entwickeln, sie in grossem Massstab einsetzen, die wirtschaftlichen Gewinne daraus abschöpfen und seinen geopolitischen Einfluss wahren kann.» Wer bereits über einen nennenswerten Anteil verfüge, werde von ausländischen Unternehmen oder Regierungen nicht so leicht vom Zugang zu KI-Modellen oder zur zugehörigen Infrastruktur abgeschnitten.

Die Expert:innen rechnen vor, dass das globale Angebot an KI-Rechenleistung bis 2031 rund 370 GW erreichen wird. Das wäre mehr als eine Verzehnfachung der etwa 30 GW von Anfang 2026. Aktuell liege der Anteil Europas bei rund 5 Prozent. China besitze rund 11 Prozent und die USA etwa 78 Prozent. 

Um erfolgreich umzulenken, brauche Europa eine deutlich ambitioniertere Compute-Politik, so die Fachgruppe. Das bedeute, bis 2031 einen Anteil von 15 Prozent anzustreben. «Ausreichend Rechenzentren zu bauen, wäre eine gesamteuropäische Anstrengung.» Es gelte, geeignete Standorte und Netzanschlüsse überall dort zu nutzen, wo sie verfügbar seien. Neue Rechenzentren sollten bevorzugt in Regionen mit einer zuverlässigen Versorgung durch erneuerbare Energien entstehen. Bestehende Netzanschlüsse auf ehemaligen Industriearealen liessen sich umfunktionieren. «Europa muss öffentliches und privates Kapital in einer Grössenordnung mobilisieren, wie sie der Kontinent zu Friedenszeiten noch nicht gewagt hat.» 

«Fachleute und der Zugang zu Daten sind ebenso wichtig»

Imanol Schlag teilt die Ansicht, dass Europa im Rennen um die KI noch aufholen kann. Der Abstand zwischen offenen und geschlossenen Modellen schrumpfe, sagt er. Die eigentliche Wertschöpfung, also der Einsatz von KI in Verwaltung, Gesundheit, Bildung und Industrie, stehe erst am Anfang. Rechenleistung sei dabei eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung: «Ohne sie kann man keine wettbewerbsfähigen Modelle trainieren, doch ebenso entscheidend sind Fachleute, die solche Modelle bauen können, sowie der Zugang zu Daten.» Das Apertus-Projekt gehöre zu einer kleinen Gruppe von Organisationen, die grosse Modelle auf Tausenden von Hochleistungs-GPUs trainieren können. Dieses Wissen sei weltweit äusserst gefragt.

Einen Engpass sieht der KI-Entwickler bei der Verfügbarkeit der Rechenleistung. Sie sei auf viele Zentren verteilt, werde meist über jährliche Ausschreibungen vergeben und sei oft nicht für lange, ununterbrochene Trainingsläufe ausgelegt. «Europa sollte deshalb Rechenkapazitäten bündeln und Projekten mehrjährig planbaren Zugang garantieren.»

 

Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und Datenschutz sind ein Vorteil für die sichere Entwicklung vertrauenswürdiger KI. Imanol Schlag, AI Research Scientist am ETH AI Center

Langsameres Tempo hilft, Vertrauen zu schaffen


Europas zurückhaltendes Vorgehen könne sich letztlich als Stärke erweisen, schreiben Sabine Döring und Bernhard Schölkopf in der FAZ. Einerseits vermittle man den Menschen und Firmen damit Vertrauen in die Qualität der Ergebnisse. Zum anderen führe die transparente Mitwirkung vieler zu besseren Ergebnissen als ein von oben organisierter, zentral geplanter Prozess. 
Europa müsse einen eigenen Weg gehen, so Döring und Schölkopf. Investitionen in Forschung und Ausbildung seien dabei zentral. Zudem brauche es wesentlich mehr Rechenkapazität in Form von nachhaltig aufgebauter Infrastruktur und eigene kuratierte Trainingsdatensätze. 

Auch Imanol Schlag betont die Stärken Europas. Neben exzellenten Hochschulen und einer leistungsfähigen öffentlichen Recheninfrastruktur erwähnt er die kulturelle und sprachliche Vielfalt. «Sie kann Modelle hervorbringen, die nicht primär auf Englisch und Chinesisch ausgerichtet sind.» Als weiteren Vorteil nennt er die hochwertigen Daten in Industrie, Gesundheitswesen und Verwaltung. Und schliesslich das Vertrauen: «Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und Datenschutz sind ein Vorteil für die sichere Entwicklung vertrauenswürdiger KI».

Die Zeit dränge, mahnen die Fachleute von «Europe 2031». Sie raten zu einer stärkeren Zusammenarbeit innerhalb der EU und darüber hinaus mit gleichgesinnten Staaten wie Norwegen, Grossbritannien oder Südkorea. KI müsse in die Arbeitswelt integrieret werden. Menschen, die dadurch ihre Arbeit verlieren, sollten umgeschult und allenfalls finanziell unterstützt werden. Bei der Robotik und der industriellen KI könne Europa eine Schlüsselrolle spielen, halten die Autor:innen fest. Es tue gut daran, Industriedaten und Prozesswissen für europäische Entwickler:innen zu öffnen. Schliesslich seien die Zivilgesellschaft und die politische Führung gefordert, eine positive Vision für das KI-Zeitalter zu schaffen. «Allein mit der Drohung, was Europa alles zu verlieren hat, lassen sich die nötigen Reformen nicht durchsetzen.»

Eveline Rutz

Über Eveline Rutz

Eveline Rutz ist freie Journalistin. Sie schreibt vor allem über politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Themen.